„Innovation ist der Treibriemen unserer Branche, das war schon früher so“

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Interview mit Dipl.-Ing. Klaus Dreyer – Landtechnik historisch

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Dass Klaus Dreyer einmal ein Faible für Landtechnik entwickeln würde, lag nahe. Aber auch das Interesse für historische Landmaschinen und Traktoren, verbunden mit ihrer werblichen Präsentation, war fast absehbar, hatte doch bereits sein Großvater Heinrich Dreyer, der die Amazonen-Werke im Mai 1883 gründete, eine beachtliche Prospektsammlung aufgebaut.

Heute ist der 86-jährige Seniorchef des ältesten durchgängig in Familienbesitz befindlichen Landmaschinenherstellers in Deutschland Herr einer einzigartigen Sammlung von mehr als 50.000, teilweise sehr seltenen historischen Prospekten, Katalogen und Festschriften, die mittlerweile größtenteils unter www.landtechnik-historisch.de der Öffentlichkeit zugänglich sind. VDMA Landtechnik kompakt sprach mit dem leidenschaftlichen Sammler am Amazone-Stammsitz in Hasbergen-Gaste.

 

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Herr Dreyer, wer an Landtechnikgeschichte denkt, kommt an Ihnen nicht vorbei. Wie wurden Sie zum akribischen Chronisten und Sammler?

Klaus Dreyer: Der Weg zum „Chronisten und Sammler“, wie Sie es bezeichnen, war bei mir ein Stück weit vorgeprägt. Zum einen, weil mich Antikes und Historisches schon in jungen Jahren faszinierte, zum anderen, weil mein Großvater Heinrich Dreyer, der Gründer der Amazonen-Werke, bereits im 19. Jahrhundert eifrig Prospekte, Kataloge und Festschriften über Landmaschinen unterschiedlichster Fabrikate zusammentrug.

Mein Interesse für Reklameschriften hat allerdings noch eine weitere, eine professionelle Wurzel: Nach meinem Ingenieursstudium beschloss der Familienrat 1958, mir ergänzend eine kaufmännische Ausbildung bei der Firma Cramer im ostfriesischen Leer angedeihen zu lassen. Insofern war ich auch für Aufgaben in der Absatzwirtschaft bestens gerüstet, sodass ich bald für unsere Amazone-Prospekte und -Werbetexte verantwortlich zeichnete.

Ein ebenso fatales wie banales, weil vielerorts leider alltägliches Ereignis brachte mich um 1960 dazu, der Sammlung einen festen Platz zu geben, sie gewissermaßen im Hause zu „institutionalisieren“: Ein Bürobote war gerade dabei, in bester Absicht dutzende Ordner mit für seine Begriffe verstaubten Prospekten von Kartoffelsortierern, Getreideerntern und Sämaschinen in einen Schubkarren zu verfrachten, um sie zu entsorgen. In letzter Minute gelang es mir, die Sammlung meines Großvaters zu retten, die schon damals mehr als 100 Jahre alte Papiere in zum Teil wunderschöner Aufmachung enthielt. Von da an wusste ich: Ich muss die Sache systematisch angehen und ein Archiv aufbauen! Mittlerweile sind daraus mehr als 50.000 Prospekte, Kataloge, Festschriften und Annoncen von über 1.000 Landmaschinen- und Traktorenfabriken geworden – viele davon existieren heute nur noch in unserer Erinnerung.

Angesichts des schieren Umfangs Ihrer Sammlung drängt sich natürlich sofort die Frage auf: Wie sind Sie an all diese versteckten Preziosen gekommen?

Klaus Dreyer: Vieles ist mir regelrecht zugeflogen, nicht selten über Zeitungsgesuche. So gelang es mir in den Siebzigerjahren über eine Bekannte meiner Mutter, die in der DDR lebte, an seltene Vorkriegs-Annoncen und Fotografien des Traktorherstellers Deutz zu kommen.

Käuflich erworben habe ich höchstens ein Prozent meiner Archivalien; die überwältigende Mehrheit der Prospekte und Papiere erhielt ich kostenfrei oder im Tausch mit überzähligen Materialien. Das Schöne an diesem Hobby ist: Mit der Zeit entwickelt man auf seinem Sammelgebiet einen geschärften Blick für lohnende Objekte und Bezugsquellen. Es ist wie ein großes Puzzlespiel, das sich Teil für Teil zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügt.

 

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Vor einigen Jahren haben Sie mit dem Webportal www.landtechnik-historisch.de eine moderne Plattform zur deutschen Landtechnikgeschichte geschaffen. Warum lohnt es sich, dort einmal vorbeizuschauen?

Klaus Dreyer: Es lohnt sich, um Erinnerungen wachzurufen – an große, klingende Namen, an findige Ingenieurskunst und außergewöhnlich gestaltete Werbematerialien, die allesamt den Geist einer längst vergangenen Zeit atmen. Selbst ausgewiesene Branchenkenner werden in diesem Archiv der Branchengeschichte noch Unbekanntes entdecken.

Ein zentraler Impuls- und Ratgeber des Projekts war übrigens der Fachausschuss Geschichte der Agrartechnik im VDI, namentlich Dr. Klaus Krombholz, der mein Vorhaben engagiert unterstützt hat. Mit durchschnittlich 25.000 Besuchern pro Monat ist es uns gelungen, eine Plattform zu entwickeln, die beim Publikum hervorragend ankommt. Das freut mich sehr.

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Was unterscheidet aus Ihrer Sicht die historische Werbung von der heutigen und welche Projekte stehen aktuell in Ihrem „Lastenheft“?

Klaus Dreyer: Der offensichtlichste Unterschied betrifft den Charakter und die Machart der Graphiken, die in früheren Tagen von einer verblüffenden Kunstfertigkeit geprägt und damit viel phantasievoller waren. Das fasziniert mich bis heute. Vom Ölbild über Aquarell und Kupferstich bis hin zu Lithographie und Linolschnitt reicht das Spektrum der Produktions- und Reproduktionstechniken historischer Reklamebilder. Denken Sie etwa an die geschwungenen Linien auf Jugendstil-Plakaten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert oder aber an den illustrativen Pop Art-Stil der Sechzigerjahre. In den Siebzigerjahren zierten dagegen vermehrt stilisierte Maschinen die landtechnischen Prospekte, Kataloge und Plakate. Inhaltlich ging es in den Werbetexten natürlich schon früher um technische Neuheiten, um Verbesserungen für mehr Effizienz im täglichen Feld- und Hofeinsatz. Schließlich ist Innovation seit jeher der Treibriemen unserer Industrie.

Im Rahmen mehrerer Buchprojekte habe ich versucht, vor allem die ästhetische Entwicklung der Landtechnikwerbung darzustellen – zunächst 1999 unter dem Titel „Agri Art“, dann 2014 unter der Überschrift „Kunstwerke der Landtechnik“. Ein zweiter Band hierzu folgt in Kürze. Da ich außerdem regelmäßig die Geschichts-Rubrik unserer Werkszeitung „Amazone-Report“ mit Anekdotischem und Wissenswertem bestücke, leiste ich auch im Unternehmen meinen Beitrag zur Traditionspflege. Umso mehr freut es mich, dass meine Enkel auch in dieser Hinsicht bereits in den Startlöchern stehen. Schließlich ist, wie ein berühmter Philosoph einmal sagte, Zukunft ohne Herkunft nicht zu haben.


Das Interview führten Dr. Bernd Scherer und Christoph Götz.

Zur Seite von Klaus Dreyer: www.landtechnik-historisch.de